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Sueddeutsche
Zeitung vom 28.12.2004
Trend
Aktfotografie
"Und
jetzt machen wir das mal ohne Wäsche"
Das
Aktfoto für den persönlichen Gebrauch - die Branche boomt,
weil nicht nur Frauen ihre Reize gerne dokumentiert haben wollen.
Von
Claudia Wessel
Ein
winterlicher Hinterhof in der Landsberger Straße. Festgefrorene
Blätter, ein kleiner Weg, der zu einer ebenerdigen Wohnung führt.
Klingeln bei "Bacher". Ein Summton erklingt, die Tür
geht auf, ein Treppchen führt nach oben, und hinten im Flur erscheint
ein Gesicht in der Tür.
Man
kann sich vorstellen, wie sich jemand fühlt, der hierher kommt,
um sich auszuziehen. Die Schritte durch den dunklen Gang, hinein in
die kleine Wohnung. Rechts die Garderobe und hinten links der Weg ins
Studio. Ist es hier überhaupt warm genug? Und die Fotografin .
. . wird man mit ihr vertraut?
Das
Modell ist noch nicht da. Wir besichtigen schon mal das Studio. Ein
Raum, von dem zwei Wände ganz in Schwarz gehüllt sind und
eine in Weiß. Die vierte besteht aus Fenster und Balkontür,
natürlich mit Jalousien. Ein Scheinwerfer, über dem ein weißer
Schirm thront, steht in der Ecke. Ein Höckerchen ist für die
Zuschauerin vorgesehen.
Im
Gang auf dem Tisch liegen Fotobücher. Und Kästen voller Foto-Abzüge
der Vorgänger. An der Wand in Groß die besten Ergebnisse.
Eine Dame in BH und Slip, auf dem Rücken liegend, ihre Beine wandern
die Wand hoch. Ein Rücken mit keck gebogener Hüfte. Ein Busen.
Es
klingelt. "Hallo, Lara!", hört man Barbara Bacher, 53,
an der Tür. Lara, die eigentlich anders heißt, aber von Beruf
Pharmaberaterin ist und ihr kleines Geheimnis vor ihren Kunden bewahren
möchte, klingt ziemlich sachlich. Wir sind gespannt. Endlich kommt
sie um die Ecke.
1,80
Meter groß. Lange blonde Haare. Schlank. Die kleine Fotografin
mit den ebenfalls blonden, nach hinten gebundenen Haaren und der dicken
Brille und das 29-jährige Modell sehen sich zum ersten Mal. Bisher
haben sie nur telefoniert.

Viele
Männer haben heuer unter dem Weihnachtsbaum Fotos der anderen Art
von ihrer Angebeteten vorgefunden. In einer Welt, in der ihnen nackte
Frauen an jedem Zeitungskiosk begegnen, sollen sie auch einmal diesen
ganz bestimmten Blick auf ihre eigene Frau oder Freundin werfen.
Das
mag einer der Gründe sein, warum der Trend zur privaten Aktfotografie
steigt - und warum Frauen als Modelle noch immer in der Überzahl
sind. "Wenn sie mal älter sind, wollen sie die Fotos ihren
Kindern zeigen", glaubt Fotograf Peter Eisfeld, für den Aktfotografie
"die Krönung meines Metiers" ist, weil "es eben
eine schwierige Gratwanderung ist zwischen Kitsch und Kunst". Er
hat seine Bilder auf einer Homepage im Internet. "Sehr viele Leute
melden sich bei mir und möchten Aktfotos von sich machen lassen",
erzählt er. "Aber auch viele, die dafür nicht geeignet
sind." Die meisten Frauen, die sich melden, ¸¸haben
schon immer davon geträumt, einmal solche Bilder von sich zu besitzen".
"Frauen
machen es für sich selbst, häufig, um ihr Selbstwertgefühl
aufzupeppen." Diese Erfahrung hat Fotograf Stephan Daniel gemacht.
Auch Lara sagt: "Ich tarne es als Geschenk, mache es aber für
mich selbst." Und das bereits zum zweiten Mal. Schon vor sieben
Jahren habe sie einen Versuch gestartet. "Damals hatte mich mein
Freund verlassen, und ich habe total an mir gezweifelt. Ich war aber
mit den Fotos damals gar nicht zufrieden."
Auch
Barbara Bacher, die seit fünf Jahren Aktfotos macht und ihre Modelle
via Anzeigen findet, hat die unterschiedlichsten Motive erlebt, aus
denen sich Frauen nackt fotografieren lassen. ¸¸Einmal kam
eine junge Frau zu mir und sagte, seit sie verheiratet sei, begehre
sie ihr Mann nicht mehr. Das wollte sie mit den Fotos ändern."
Ein
Mädchen kam zusammen mit seinem Freund, weil er zum Studieren in
eine andere Stadt gehen musste. Eine andere Frau rief an, weil ihr Freund
ihr die Fotosession zum Geburtstag geschenkt hatte. ¸¸Kurz
nach dem Film ,Calendar Girls" kamen auch einige ältere Frauen,
so um Mitte 50. Sonst sind sie meist jünger."
Sehr
verbreitet sei, verrät Bacher, der Wunsch von Frauen, sich kurz
vor der Hochzeit in Brautwäsche ablichten zu lassen: mit weißen,
halterlosen Strümpfen, einem kleinen Schleier und Blumen im Haar.

Doch
auch Männer haben ab und an den Wunsch, sich im Adamskostüm
für die Nachwelt zu verewigen. Allerdings haben sie oft ein wenig
andere Vorstellungen davon als Frauen. ¸¸Frauen wollen keine
gynäkologischen Aufnahmen. Männer schon eher . . ." Sie
finden, auf ein Aktfoto gehöre auch ihr ¸¸bestes Stück".
Ein junger Mann mit Down Syndrom reiste einmal eigens aus dem Schwarzwald
zu einer Fotosession an. Sein Wunsch war, mit Hilfe der Fotos eine Freundin
zu finden.
Sind
denn alle Modelle mit ihren Fotos zufrieden? Oder gibt es da auch einmal
Enttäuschungen. ¸¸Eigentlich nicht", sagt Bacher,
und auch die beiden anderen Fotografen versichern: ¸¸Bei
mir nicht, im Gegenteil, die meisten Leute sind positiv überrascht."
Einmal aber, gibt Barbara Bacher zu, habe sie es doch erlebt. ¸¸Die
Frau war ganz entsetzt, als sie die Bilder gesehen hat. Sie ist regelrecht
hinten runtergefallen. Sie wollte ihre Falten nicht sehen." Dabei
hätten sich Fotografin und Modell bei der Session so gut verstanden,
sei die 39-Jährige vor der Kamera so locker gewesen. Von der Reaktion
beim Anschauen der Fotos war Barbara Bacher völlig überrascht.
¸¸Ich dachte, die Frau weiß, wie sie ausschaut."
Lara
verschwindet jetzt in dem kleinen Bad nebenan. Dann tritt sie in blauer,
zarter Wäsche auf den Gang. Die großen, ebenfalls blauen
Augen schauen etwas unsicher. Barbara Bacher bugsiert sie ins Studio,
zuerst vors Fenster, kneift die Augen zusammen und richtet die Kamera
auf sie. ¸¸Ja, sehr schön, wie du da stehst, mach schön
ein Hohlkreuz, die Hände sind auch sehr schön, dreh nochmal
den Kopf her, nicht den Körper." Dann lässt sie die Kamera
kurz sinken. ¸¸Sie guckt schon noch sehr aufgeregt",
sagt sie wie zu sich selbst. ¸¸Ehrlich?", wundert sich
Lara. ¸¸Lachen. Nicht so viel Lachen. Lächeln. Runtergehen
ins Knie. Kopf hoch. Ja, schön, prima, ganz toll. So, und jetzt
machen wir das mal ohne Wäsche."
Ein
bleiches Wesen vor dem schwarzen Tuch, schlank und wohlgeformt, im Hintergrund
läuft das Lied ¸¸Let"s Talk About Sex". Bleib
so, genau so, das ist ein ganz toller Blick. Aber doch, irgendwie guckt
sie immer noch ganz aufgeregt. Wir gehen mal lieber.
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